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Leitartikel

Umweltschutz im Gesundheitswesen: Eine Herausforderung

Ausgabe 5, 2020

Als ich vor zwanzig Jahren als erster Mediziner den Deutschen Umweltpreis erhielt und zwei Jahre später die Stiftung viamedica gründete, war Umweltschutz im Gesundheitswesen fast noch ein Fremdwort. Inzwischen zeigt sich durch die immer sichtbarer werdenden Zeichen des Klimawandels eine zunehmende Akzeptanz für nachhaltige Themen: Ressourcenschonung und Energieeffzienz sind in der Branche angekommen – auch wenn die Umsetzung oft ein Kraftakt ist und in der derzeitigen Krisensituation das Augenmerk auf anderen Schwerpunkten liegt.

Bei der Umsetzung von Umweltschutzmaßnahmen sto- ßen viele Praxen und Einrichtungen des Gesundheitswesens an ihre Grenzen – sei es aus Mangel an Zeit, Fachpersonal und fnanziellen Mitteln oder wegen der Erfüllung von Hygieneauflagen. Ein Ziel meines wissenschaftlichen Berufslebens als Krankenhaushygieniker war es, im Interesse der Patienten und auch der Umwelt, Hygienemaßnahmen auf ein sinnvolles Maß zu reduzieren und die Frage der Notwendigkeit von Maß- nahmen detaillierter zu beleuchten. In der Zahnmedizin lag der Schwerpunkt der Forschung auf der sinnvollen und kostengünstigen Desinfektion der zahnärztlichen Instrumente.
Zudem war es mein Anliegen, den Umweltschutz systematisch in der Medizin zu implementieren. Die Branche ist noch immer eine der größten Verbraucher von Energie und Ressourcen in Deutschland: Der deutsche Gesundheitssektor verbraucht jährlich insgesamt etwa 100 Millionen Tonnen an Rohstoffen. In der Zahnarztpraxis hat der Plastik- und Restmüll in den vergangenen 25 Jahren um das Fünf- bis Sechsfache zugenommen. Der Energieverbrauch pro Klinikbett entspricht im Durchschnitt dem von vier modernen Einfamilienhäusern. Hier gibt es noch genügend Einsparpotenzial – auch in der Arztpraxis.

Meine Stiftung viamedica hat sich zum Ziel gesetzt, die Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz in das Gesundheitswesen zu transportieren. In den vergangenen 18 Jahren haben wir zahlreiche Projekte umgesetzt, die zu einem umweltbewussten Management in der Medizin beigetragen haben. In den letzten Jahren haben wir uns vor allem dem Thema Energieeffzienz in Kliniken und in der Pflege gewidmet. Durch die Entwicklung individueller Energiesparkonzepte und deren Umsetzung konnten zahlreiche Einrichtungen und Kliniken ihre Energiebilanz verbessern, Energiekosten einsparen und praktischen Klimaschutz betreiben.
Während frühere Projekte der Stiftung oftmals mit Investitionen in den Einrichtungen verbunden waren, setzt unser aktuelles Projekt ganz niederschwellig bei der Änderung des Nutzerverhaltens an: Mit dem von der Nationalen Klimaschutzinitiative geförderten Projekt „Klimaretter – Lebensretter“ sprechen wir alle Beschäftigten des Gesundheitswesens an – und damit auch die Zahnarztpraxen – um sie über das online verfügbare Tool unter www. klimaretter-lebensretter.de zu einfachen Klimaschutzaktionen anzuregen und zu einem sorgsamen Umgang mit Energie und Ressourcen zu motivieren. Die Sensibilisierung für Umweltthemen steht hier im Vordergrund. Sie ist Voraussetzung für ein dringend notwendiges Umdenken, denn das Gesundheitswesen hat neben der wichtigen Aufgabe Leben zu retten auch eine Verantwortung für unseren Planeten.
Zum Thema Ressourcenschutz im Gesundheitswesen habe ich am Universitätsklinikum Freiburg zahlreiche Maßnahmen umgesetzt. Inzwischen gibt es in Unternehmen und Kliniken auch eine Vielzahl etablierter Werkzeuge, wie das Energiemanagementsystem nach ISO 50.001 oder das Umweltmanagementsystem nach EMAS oder ISO 14.001. Die Arztpraxen sind dagegen oft mit ihrem Wunsch, ihren ökologischen Fußabdruck zu verringern, auf sich gestellt. Vorbildlich ist hier die Initiative aus Baden-Württemberg „Zahnmedizin goes green“, die das Thema Ressourcenschonung in der Zahnmedizin auf die Agenda des Ausschusses der Bundeszahnärztekammer gebracht hat. Ein erster wichtiger Schritt.