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Titelthema

viamedica – Stiftung für eine gesunde Medizin

 

Großes Potenzial für nachhaltige Zahnmedizin

Ausgabe 5, 2020

Markus Loh ist Projektleiter und Stefanie Hertlein Projektmitarbeiterin bei der gemeinnützigen Stiftung viamedica, die ihren Sitz in Freiburg hat. Die Stiftung hat sich der Idee verschrieben, eine neue Balance für Medizin, Mensch und Natur zu finden. Das ZBW hat die beiden um ein Gespräch gebeten, um mit ihnen zu erörtern, wie eine nachhaltige Zahnmedizin aussehen könnte. Lesen Sie im ZBW-Gespräch, warum viamedica eine Zusammenarbeit mit der Landeszahnärztekammer begrüßt und wie diese ausgestaltet werden kann. Und erfahren Sie, wie Zahnarztpraxen zu Klima- und Lebensrettern werden können.

Bitte stellen Sie sich kurz vor. Was sind Ihre Aufgaben bei viamedica? Was macht die Stiftung viamedica?

Markus Loh: Die gemeinnützige Stiftung viamedica wurde 2002 von dem Arzt und Hygieniker Prof. Dr. Franz Daschner gegründet. Der Stifter ist nach wie vor der einzige Mediziner, dem jemals der Deutsche Umweltpreis verliehen wurde. Die Stiftung wurde mit diesem Preisgeld aufgebaut. Die viamedica agiert als neutrale Plattform und transportiert Themen und Lösungen zu Ökologie und Nachhaltigkeit zwischen dem Gesundheitswesen und der Wirtschaft. In der Praxis identifizieren wir Themen aus dem Gesundheitswesen und entwickeln dazu innovative Projekte für die Branche. Mir ist dabei besonders der gemeinsame Austausch in Netzwerken wichtig. Ich möchte realisierbare Lösungen entwickeln, von denen alle Seiten profitieren, die Akteure des Gesundheitswesens und auch Umwelt und Klima.


Verbesserungen. „In einem gemeinsamen Austausch zwischen der Zahn- ärzteschaft und der Stiftung viamedica können bestimmt viele praxistaugliche Verbesserungen gefunden werden.“

Stefanie Hertlein: Wir sind ein kleines Team in der Stiftung viamedica und arbeiten daher eng verzahnt. Ich betreue überwiegend die aktiven Einrichtungen und Praxen in unserem Klimaschutzprojekt „Klimaretter – Lebensretter“. Außerdem planen wir gerade Ressourceneffizienz und Reduktion von Einmalprodukten im Gesundheitswesen zum Thema zu machen. Hier wollen wir zusammen mit den Akteuren machbare und umweltfreundliche Wege für die Praxis entwickeln.


Einladung. „Mein Vorschlag und ein erster einfacher Weg wäre die Teilnahme der Zahnarztpraxen an dem Projekt Klimaretter – Lebensretter“, zu dem ich Sie alle herzlich einlade.

Die Stiftungsziele von viamedica fokussieren sehr stark auf den Krankenhausbereich. Lässt sich die Zahnmedizin in Ihrem Stiftungsauftrag oder Ihrer Projektarbeit irgendwie verorten? Zum Beispiel mit einem Stiftungsziel „Förderung einer nachhaltigen Zahnmedizin“?

Stefanie Hertlein: Viele unserer Projekte waren in der Vergangenheit im Klinikbereich angegliedert, das ist richtig. Unser Blick richtet sich jedoch auf das gesamte Gesundheitswesen. Beispielsweise mit Pflege+ haben wir ein Energieeffizienzangebot für Pflegeeinrichtungen und auch unser Klimaretter-Projekt ist für alle offen.
Wir begrüßen die Zusammenarbeit mit der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg, da sich hier viele Synergien ergeben. Gerade unsere momentane Ausrichtung auf Ressourcenschonung und eine mögliche Überführung von Einwegprodukten in einen perfekten Stoffkreislauf hat gro- ßes Potenzial für eine nachhaltige Zahnmedizin.

Wie sieht eine nachhaltige Zahnmedizin Ihrer Meinung nach aus?

Markus Loh: Nachhaltig sollte die Zahnmedizin natürlich vor allem für die Patienten sein, die modernste und möglichst schmerzfreie und gesundheitsfördernde Behandlungen erhalten sollen. Wir wollen uns zusammen weiterentwickeln. Das bedeutet für die Zahnmedizin natürlich Ökologie mit Ökonomie, aber auch Gesundheitsschutz für die Beschäftigten. Es könnten gemeinsam Mehrweg- und Recyclingmaterialen entwickelt werden, die die Umwelt schonen und mit denen beim Einkauf und bei der Entsorgung, durch Abfallvermeidung, Kosten reduziert werden. Wichtig ist auch der Blick auf die verwendeten Materialien und daraus möglichen gesundheitsgefährdenden Kontaminationen.

Mit Ihrem Projekt „Klimaretter – Lebensretter“ sprechen Sie explizit die Beschäftigten der Gesundheitsbranche an. Herzstück ist das Klimaretter-Tool als Orientierungshilfe für mehr Klimaschutz im Arbeitsalltag. Das Projekt scheint uns auch für die Zahnarztpraxen zu passen. Sehen Sie das auch so?

Stefanie Hertlein: „Lebensretter werden Klimaretter“ – unter diesem Motto läuft das Projekt. Da passen Zahnarztpraxen natürlich auch perfekt. Uns haben auch schon viele Praxen angesprochen, wie sie aktiv fürs Klima werden können.

Können Sie unseren Lesern das Projekt bitte kurz vorstellen und insbesondere den Bezug zur Zahnmedizin aufzeigen?

Markus Loh: Das Projekt motiviert über das online verfügbare Klimaretter-Tool die Beschäftigten der Gesundheitsbranche spielerisch zu Klimaschutzaktionen am Arbeitsplatz. Jeder kann eigenständig Aktionen auswählen, diese durchführen und sieht dann direkt im Tool wie viel klimaschädliches CO2 vermieden wurde. Auch Zahnarztpraxen können dadurch aktiven Klimaschutz zum Teil ihrer täglichen Arbeitspraxis machen. Alle Aktionen sind einfach und bedeuten keine zeitliche Mehrbelastung: Von „doppelseitig drucken“, „Licht ausschalten“ bis zu „öfter aufs Rad steigen“. Jeder kann sich individuell und auch gemeinsam im Team seine Maßnahmen aussuchen.

Wie können interessierte Praxen mitmachen?

Stefanie Hertlein: Interessierte Praxen können sich über unsere Projektwebseite anmelden oder sich auch ganz einfach telefonisch oder per E-Mail an uns wenden. In einem ausführlichen Telefonat informieren wir über das Projekt und über die individuelle Einbindung in der Praxis.

Viele Praxen stehen vor dem Dilemma, dass durch immer strengere Hygiene-Auflagen immer mehr Einweg-Artikel und Plastikverpackungen notwendig werden. Was können Sie den Kolleginnen und Kollegen raten? Wie können sie mit der Situation umgehen?

Markus Loh: Die Situation ist wirklich ein Dilemma. Ich habe vor kurzem von meiner Zahnärztin (viele Grüße an dieser Stelle) den Aufwand gezeigt bekommen, welchen die Praxis leistet, um die hygienischen Anforderungen sicherzustellen. Es gibt einen fest angestellten Mitarbeiter, der praktisch in einer Sterilisationseinheit, mit Schleuse, arbeitet. Dann die sehr teuren und zu validierenden Geräte und nicht zuletzt die großen Mengen von Abfällen. Ich war von der Dimension wirklich beeindruckt. Als kreativer Projektentwickler der viamedica würde ich gemeinsam nach Lösungen suchen! Eine Idee wäre, wenn die Zahnarztpraxen einer Stadt oder einer Region gemeinsam und eventuell zusammen mit den Zahnärztekammern eine zentralisierte Aufbereitung von Instrumenten und Materialien aufbauen. Dann könnten, wenn möglich, teure Einwegprodukte vermieden und Kosten für die Sterilisation unter den Praxen aufgeteilt werden. Nur eine spontane Idee, die vielleicht gemeinsam besprochen und auf jeden Fall durchgerechnet werden müsste.

Welche Themenfelder sehen Sie beim Stichwort Ressourcenschonung in der Zahnarztpraxis?

Markus Loh: Für das Thema Ressourcenschonung in den Zahnarztpraxen würde ich erst einmal keinen Bereich ausklammern. Es wäre sicher ein gemeinsamer Prozess, bei dem man vor Ort nach möglichen Handlungsfeldern recherchieren muss. Das beginnt beim Umgang mit Energie, z. B. bei der rechtzeitigen Verschattung der Praxisräume im Sommer und einer damit vielleicht verbundenen Reduktion der Leistung der Klimaanlagen. Das richtige Heizen und Lüften, die Nutzung des Druckers und die verwendete Papiersorte haben, neben der großen Einweg-Mehrweg-Debatte, ebenfalls Relevanz für das Thema Ressourcenschonung. Schon bei dieser spontanen Auflistung möglicher Bereiche wird direkt deutlich, dass der nachhaltige Umgang mit Ressourcen, neben der Schonung unserer Umwelt, meist auch mit finanziellen Einsparungen verbunden ist. Beide Punkte sollten Motivation dafür sein, gemeinsam aktiv zu werden. Mein Vorschlag und ein erster einfacher Weg wäre die Teilnahme der Zahnarztpraxen an dem Projekt Klimaretter – Lebensretter, zu dem ich Sie alle herzlich einlade.

Stefanie Hertlein: Mir fiel beim letzten Zahnarztbesuch auf, dass die Plastikbecher zum Mundspü- len durch Papierbecher ausgetauscht wurden. Das ist nur ein kleines Beispiel von vielen. In einem gemeinsamen Austausch zwischen der Zahnärzteschaft und der Stiftung viamedica können bestimmt viele praxistaugliche Verbesserungen gefunden werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellten
Andrea Mader
und Dr. Norbert Struß

 

Das ZBW-Gespräch mit dem Zahnarztehepaar Carl

 

Gute Prophylaxe ist erster Schritt zur Nachhaltigkeit

Ausgabe 5, 2020

Sie waren als Referenten bei der Frühjahrskonferenz 2020 der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe zum Thema „Wie grün ist das denn?“ angekündigt. Bereits seit Jahren beschäftigt sich das Ehepaar Dr. Regine und Dr. Wolfgang Carl mit Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Effizienz. Aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus musste die Konferenz abgesagt werden, die Botschaft der beiden Zahnmediziner hingegen findet dennoch Verbreitung.

ZBW: Green Dentistry ist noch eine relativ junge Bewegung, zu deren Pionieren die in San Francisco lebende Dr. Nammy Patel zählt. Wann hat bei Ihnen das Umdenken begonnen und gab es hierfür einen besonderen Anlass?

Dr. Regine und Dr. Wolfgang Carl: Als die Praxis 1987 gegründet wurde, litten wir unter der Hitze eines Kiesdachs vor unseren Fenstern. Fenster öffnen im Sommer war keine gute Idee – geschlossen halten andererseits aber auch nicht. 1997 wurde uns die Immobilie zum Kauf angeboten. Eine unserer ersten Maßnahmen war, das Kiesdach durch ein begrüntes Dach zu ersetzen. Das hat uns dann im Sommer immerhin zwei bis drei Grad Celsius an Raumtemperatur in den Behandlungszimmern erspart. (Eine Mietpartei im Haus betreibt eine Klimaanlage. Wir kennen die Stromrechnung.)

Sie strebten eine sogenannte EMAS-Zertifizierung für Ihre Praxis an, warum schien Ihnen gerade diese offizielle Auszeichnung erstrebenswert?

Wir haben die Idee einer „Grünen Hausnummer“ an einem „Betondenkmal“ in der Innenstadt einfach sportlich gefunden. Eine notwendige Bedingung im Kriterienkatalog war damals eine EMASZertifizierung (oder zumindest die Vorbereitung darauf). EMAS (EcoManagement and Audit Scheme) ist aber eher für Großbetriebe konzipiert. In einem Kleinbetrieb wie einer Zahnarztpraxis ist das System definitiv viel zu aufwendig.


Dr. Regine Carl

Welche Hürden mussten Sie bei der Umstellung Ihrer Praxis nehmen?

Eigentlich keine – wir haben immer schon nachhaltig gedacht. Deshalb haben wir in unserer Praxis auch einen klaren Schwerpunkt auf Prophylaxe und die arrondierten zahnerhaltenden Disziplinen. Zahnersatz fertigen wir bereits seit über 20 Jahren nicht mehr an (wir überweisen – und das wird immer seltener erforderlich).

Ist ein Zahnarzt bereits bei der Einrichtung seiner Praxis gezwungen, die Weichen hinsichtlich Umweltfreundlichkeit zu stellen? Oder andersherum gefragt, was zählt zu den Hauptmaximen einer nachhaltig geführten Praxis?

Jeder/jede kann bei der Konzeption einer Praxis schon Weichen stellen. Andererseits ist das sicher auch im laufenden Betrieb möglich. Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt.

Welche konkreten Schritte helfen, eine Praxis nachhaltiger zu machen?

Auf jeden Fall: das Team einbeziehen! Alles andere wird früher oder später scheitern. Und die besten Ideen müssen auch nicht immer von der Chefin oder vom Chef kommen.

Green Dentistry bezieht sich ja nicht nur auf die Nachhaltigkeit der Praxisgestaltung und der Gebrauchsprodukte, sondern auch auf die Zahnpflegeprodukte, die die Belastungen für die Umwelt so weit wie möglich reduzieren sollen. Haben Sie solche im Einsatz und wie sind Ihre Erfahrungswerte damit?

Zahnpasten mit Mikroplastik sind uns derzeit keine mehr bekannt. Und Einmalinstrumente sind ganz Dr. Regine CarlTitelthema 11 www.zahnaerzteblatt.de ZBW 5/2020 sicher ein Irrweg – ökonomisch wie ökologisch. Ob Bambuszahnbürsten wirklich helfen? Das wissen wir auch nicht.

Was halten Sie den Kritikern entgegen, die sagen, eine kleine Zahnarztpraxis kann den Planeten nicht retten?

Da gibt es ein sehr schönes afrikanisches Sprichwort: „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Erde verändern.“

Welche Alternativen gibt es für die Abfallprodukte einer Praxis, beziehungsweise gibt es diese überhaupt?

Ganz klar: Einwegprodukte – sofern nicht unbedingt erforderlich – sind ein Irrweg, also wenn möglich vermeiden oder zumindest verringern. Recycling wo immer möglich, bei noch analogem Röntgen kann man natürlich die Bleifolien sammeln; ein zentraler Amalgamabscheider erscheint besser als dezentrale; Mülltrennung dürfte sowieso Standard sein; Sterilgut-Lagercontainer sparen Folienverpackungen und damit Müll; Kontaminationsvermeidung durch Greifdisziplin – kann man üben! – erspart vielfältige Belastungen: Arbeit, Zeit, Müll…, und natürlich: Kontamination!

Wo sind der Bewegung Green Dentistry – gerade auch im Hinblick auf Hygienevorschriften einer Zahnarztpraxis – Grenzen gesetzt?

Sofern die Aufsichtsbehörden stur sind, wird es schwierig. Machtspielchen sind selten kooperativ. Und ohne die Expertise der Betroffenen sind die Chancen auf Erfolg auch nicht unbedingt gut. Andererseits ist Hygiene essenziell – also extrem wichtig und daher einzuhalten (wie man derzeit ja sieht). Aber nicht jede Sau, die heute durchs Dorf getrieben wird, muss wichtig genug sein (das sieht man derzeit ja leider auch)…. Schließlich gehört ein Staatsexamen in medizinischer Mikrobiologie und Hygiene zur Zahn- ärztlichen Prüfung dazu – und Hygiene ist auch ein Prüfungsthema in der ZFA-Ausbildung. Nachhaltigkeit bedeutet darü- ber hinaus: Wir sind nicht von schlechten Eltern. Also haben auch unsere Vorfahren schon ihr Bestes gegeben und sauber gearbeitet – das erzieht schlicht zur Bescheidenheit.


Dr. Wolfgang Carl

Beobachten Sie die Entwicklung, dass auch die Hersteller die Entwicklungen erspüren und ihre Produkte und Materialien so entwerfen, dass weniger Energie verbraucht und sie umweltbewusster gestaltet und angelegt werden?

Sicher gab es das schon immer, das gibt es auch heute und in Zukunft. Hersteller, die das nicht so praktizieren, werden auch unter zunehmenden Rechtfertigungsdruck geraten und das ist für deren Image nicht gerade förderlich.

Was wären aus Ihrer Sicht weitere wichtige Schritte in Richtung mehr grünes Bewusstsein in einer Zahnarztpraxis?

Das ist ein sehr gutes Beispiel für Teamarbeit: z. B. in einem Konzeptgespräch. Das Team hat die besten Ideen!

Wird die Zukunft der Zahnheilkunde und der zahnärztlichen Praxis grün sein?

Natürlich – und das ist ganz doppeldeutig gemeint!

Das Gespräch führte
Cornelia Schwarz

 

Gesellschaftliche Verantwortung übernehmen – Energiesparkampagne der KZV BW

 

Unser Beitrag für das Klima

Ausgabe 5, 2020

Ein Jahr lang lief die Energiesparkampagne in der Bezirksdirektion Stuttgart und der Hauptverwaltung der KZV Baden-Württemberg. Das Ziel: Gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durch einen bewussteren Umgang mit Wärme, Strom und Wasser dazu beitragen, den Energieverbrauch zu senken, um das Klima zu schonen.

Umweltschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, zu der jede und jeder seinen Teil beitragen kann und muss. Auch die KZV BW sieht sich deshalb in der Pflicht, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um das Klima zu schonen. In den vier Bezirksdirektionen und der Hauptverwaltung wird deswegen Umweltschutz groß geschrieben. Projekte, um Energie zu sparen, werden unterstützt und umgesetzt.

Energiemanagement. Bereits 2016 wurde ein Energiemanagement in den Stuttgarter Häusern der KZV BW eingeführt. Neben einer Reduzierung des Energieverbrauchs ging es dabei auch um die Reduzierung der Energiekosten. Denn ein sparsamer Umgang mit den Ressourcen zahlt sich auch finanziell aus. Nach einer umfassenden Analyse des Energieverbrauchs wurde mit fachlicher Beratung durch das Energieberatungszentrum Stuttgart e. V. ermittelt, welche Maßnahmen sinnvoll wären, um den Energieverbrauch zu reduzieren. In der Folge wurden z. B. die Lampen in den Fluren auf eine energiesparende LED-Beleuchtung umgestellt. Auch wurden alte elektronische „Energiefresser“ gegen neue, sparsamere Kopierer und Bü- rogeräte ausgetauscht.

Energiesparkampagne. Um auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für einen sparsameren Umgang der Ressourcen zu sensibilisieren, wurde in der Bezirksdirektion Stuttgart und der KZV-Hauptverwaltung eine Energiesparkampagne unter dem Motto: Wir machen’s aus! initiiert. Mit extra zu diesem Zweck selbst entworfenen Aufklebern wurde das Motto an Lichtschaltern und anderen Schaltern platziert, um so daran zu erinnern, dass beim Verlassen der Räume Lichter und andere elektronische Geräte ausgeschaltet werden. Ein Jahr lang konnten alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter außerdem jeden Monat an einem Energiespar-Quiz teilnehmen. Die Quizfragen und deren Antworten gaben dabei immer nützliche Tipps zum Strom- und Energiesparen im Büro und Zuhause. Es verwunderte deshalb nicht, dass die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter regelmäßig teilnahmen und ihr großes Bewusstsein für Umweltthemen insgesamt und in der KZV BW zeigten.

Beachtliches Ergebnis. Das Resultat der energiesparenden Maß- nahmen kann sich durchaus sehen lassen. Die Gesamtkosten für Energie (Strom, Wärme und Wasser) sind verglichen mit den drei Vorjahren deutlich gesunken. Der Stromverbrauch 2019 lag in der Bezirksdirektion im Engstlatter Weg sogar fast 15 Prozent unter dem Wert von 2018. Insgesamt waren die Einsparungen in der Bezirksdirektion Stuttgart hö- her als in der Hauptverwaltung, was jedoch u. a. auf die unterschiedliche Ausstattung und Technik der beiden Häuser zurückzuführen ist. Es zeigt sich also, dass der Umweltschutz auch unter dem betriebswirtschaftlichen Aspekt der Kosteneinsparung durchaus sinnvoll ist und es sich lohnt, nach weiteren Strategien Energieeinsparungen zu suchen.

Papierfreie KZV. Bereits 2018 wurde mit der Umstellung des Rundschreiben-Versands der erste Schritt in Richtung papierfreie KZV gegangen. Der digitale Versand spart jährlich bereits 570.000 Blatt DIN-A4-Papier.

Zukunftsweisend. „Das Energiemanagement und die Energiesparkampagne sind wichtige Schritte für ein gemeinsames Umdenken der KZV in Sachen Umweltschutz. Uns ist es wichtig, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf diesem Weg aktiv mitzunehmen. Künftige Energiesparprojekte sollen auch auf unsere anderen Standorte ausgeweitet werden“, so KZV-Vorstandsvorsitzende Dr. Ute Maier. Sie betont: „Unsere gesellschaftliche Verantwortung beim Umweltschutz ist für uns der wesentliche Aspekt für unser Handeln – aber auch die Einsparung finanzieller Mittel durch einen bewussten Umgang mit den Ressourcen Wasser, Strom und Wärme spielt natürlich eine Rolle. So profitieren wir alle in jeder Hinsicht von einem energiesparenden Verhalten!“
Als nächstes Projekt ist die Umstellung von Heizöl auf Erdgas in Kombination mit einer Photovoltaikanlage und einem Blockheizkraftwerk zur Reduzierung der CO2- Emissionen in der Bezirksdirektion Stuttgart geplant. Die Stadt Stuttgart wird die Umstellung mit einem Zuschuss unterstützen.

Jenny Dusche

 

Initiative der LZK-Geschäftsstelle zum Klimaschutz

 

Kammer goes green

Ausgabe 5, 2020

Der Praxisführungsausschuss der LZK BW hat bereits im vergangenen Jahr über die Themen Nachhaltigkeit und ökodentaler Fingerabdruck in der Zahnarztpraxis diskutiert. Diese Initiative, die unter dem Stichwort „Zahnmedizin goes green“ lief, hat anschließend entsprechende Aktivitäten der Bundeszahnärztekammer angestoßen. Parallel dazu haben die Mitarbeiter*innen der LZK-Geschäftsstelle in Stuttgart viele Ideen gesammelt, wie sie den ökologischen und nachhaltigen Gedanken auch auf der Verwaltungsebene verwirklichen können. Zahlreiche Veränderungen wurden bereits umgesetzt.


Initiative. Die Mitarbeiter*innen der Landeszahnärztekammer engagieren sich für die Nachhaltigkeit in der Verwaltung.

Der Anspruch von Nachhaltigkeit mit möglichst kleinem ökologischen Fingerabdruck gilt auch für die interne Verwaltung der LZK. So wurden Ende 2018 sämtliche Sitzungsunterlagen z. B. für Vorstandssitzungen oder Vertreterversammlungen nur noch im digitalen Format über die KammerCloud „Balduin“ ausgegeben. Den LZK-Jahresbericht gibt es seit Ausgabe 2018 ebenfalls nur digital auf der Basis einer komfortablen Blätterversion.

Kategorien der Nachhaltigkeit. Die Mitarbeiter*innen der LZK sammelten im letzten Jahr zahlreiche Möglichkeiten, wie sie ihren Berufsalltag nachhaltiger gestalten können. Insgesamt kamen fast 80 Einzelvorschläge zusammen, die von einem eigens einberufenen kleinen „Expertenteam“ geprüft und geordnet wurden. Die Kategorien lassen sich unterteilen in Bürogeräte, Büromaterial, Verpflegung, Hygiene und Energieverbrauch und beziehen sich auf die Bereiche interne Verwaltung und Veranstaltungen. Für jede Kategorie wurde dann ein Maßnahmenkatalog angelegt für die Bereiche Beschaffung, Verbrauch/ Verwendung und Entsorgung.

LZK-Veranstaltungen. Wie bereits erwähnt, gibt es inzwischen keine Sitzungsunterlagen mehr aus Papier. Damit entfällt gleichzeitig der Versand auf dem Postweg, was nicht nur Kosten einspart, sondern auch den CO 2-Verbrauch senkt. Bei Seminaren und Fortbildungsveranstaltungen wird in Zukunft auf Plastikkugelschreiber verzichtet. Bei der Fachdental Südwest wurde im Herbst 2019 bei der Bewirtung bereits auf ein Mehrwegsystem umgestellt, d. h. wurde kein Einweg-Geschirr mehr verwendet. Beim nächsten Messeauftritt der Kammer sollen nur nachhaltig hergestellte Werbegeschenke zum Einsatz kommen.

LZK-Geschäftsstelle. Im Zahn- ärztehaus in Stuttgart gibt es viele Möglichkeiten, Büromaterial sparsam einzusetzen, sei es durch Anschaffung von Mehrwegartikeln, die nachfüllbar sind, durch Wiederverwendung von Materialien oder durch Nutzung von Fehldrucken als Schmierpapier. Das Büromaterial der LZK soll generell nachhaltig und recycelbar sein und möglichst in Großgebinden gekauft werden, um Abfall zu vermeiden. Auch im Verpflegungsbereich gibt es sehr viele Möglichkeiten, nachhaltig zu sein. Hier wird besonders darauf geachtet, Müll zu trennen, weniger Müll zu produzieren. Eine besondere Herausforderung sind die externen Essensanlieferungen, die derzeit noch nicht auf Mehrweggeschirr setzen, aber teilweise schon auf Pappverpackungen umgestellt haben. Der Besuch der Kantine sowie das Mitbringen und Aufwärmen von eigenem Essen ist in jedem Fall eine nachhaltige Alternative.

Energiesparen. In Sachen Energieverbrauch gibt es genügend Stellschrauben, um eine bessere Ökobilanz zu erzielen. So kann der Stromverbrauch von Bürogeräten durch gezielte Einstellungen reduziert werden. Geräte sollten nach Feierabend ganz ausgeschaltet werden. Je weniger künstliches Licht benötigt wird, desto besser. Und der Klimaanlage kann man im Sommer auch ab und zu mal eine Pause gönnen.
Die Möglichkeiten, den Arbeitsalltag umweltbewusst zu gestalten, sind sehr vielfältig. Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter kann durch sein persönliches Verhalten dazu beitragen. Und wenn der Schritt in die nachhaltige Richtung auch noch so klein ist, in der Summe lässt sich trotzdem was bewegen.

Claudia Richter

 

Studie des Fraunhofer Instituts und des Umweltbundesamts

 

Ressourcenschonung im Gesundheitssektor

Ausgabe 5, 2020

Seit Juni 2017 läuft eine Studie des Fraunhofer Instituts für Systemund Innovationsforschung (ISI) sowie des Umweltbundesamts zur Ressourcenschonung im Gesundheitssektor. Ziel der Studie ist die Analyse und Erschließung von Synergien und Potenzialen zwischen den Politikfeldern Ressourcenschonung und Gesundheit. Es sollen aber auch Zielkonflikte und Grenzen aufgezeigt werden. Die Studie soll im Juni 2020 abgeschlossen werden. Erste Ergebnisse liegen bereits vor.


Ressourceneffizienz. Im Gesundheitswesen gibt es einige Möglichkeiten, um den Verbrauch von Ressourcen zu senken.

Im Bereich der Umweltforschung wurde bislang nur die Sichtweise verfolgt, welche Folgen die Umwelt(verschmutzung) auf die Gesundheit hat. Mit der Studie „Ressourcenschonung im Gesundheitssektor“ findet nun ein Perspektivwechsel statt und es wird untersucht, welche Auswirkungen vom Gesundheitssektor auf die Umwelt und auf den Ressourcenkonsum ausgehen.

Rohstoffkonsum. Zu Beginn der Studie wurde zuerst der quantitative Beitrag des Gesundheitssektors zum gesamten Rohstoffkonsum in Deutschland analysiert. Dadurch sollten wichtige Stellschrauben für die Verbesserung der Ressourceneffizienz entdeckt werden. Im Jahr 2011 machte der Gesundheitssektor mit einem Verbrauch von 96 Millionen Tonnen etwa fünf Prozent des gesamten Rohstoffkonsums in Deutschland aus. Der Rohstoffkonsum im Gesundheitswesen erfolgt überwiegend indirekt, z. B. über Arzneimittel, Medizinprodukte und -geräte, Betriebsmittel, Verpackungen, Verpflegung, Infrastrukturen usw. Dabei fällt der größte Anteil des Rohstoffkonsums (über 55 Prozent) auf die Bereiche chemische Erzeugnisse, Nahrungsmittel und Getränke. Ein weiterer großer Anteil (über 30 Prozent) an Rohstoffen wird durch Strom und Brennstoffe, das Bauwesen, Dienstleistungen und medizintechnische Geräte verbraucht.

Engagierte Akteure. In einem weiteren Schritt identifizierte die Studie wichtige Akteure im deutschen Gesundheitswesen, die sich im Bereich der Ressourceneffizienz bereits engagieren. Das Ziel war, diese Akteure am Studienprojekt zu beteiligen. Außerdem soll eine Sammlung von Good-Practice-Beispielen erarbeitet werden, um andere zu motivieren. Insgesamt wurden 166 Verbände oder Dachorganisationen sowie 93 Einzelakteure nach ihren Aktivitäten hinsichtlich Ressourcenschonung befragt. Dabei kam heraus, dass es zwar in allen Bereichen des Gesundheitswesens engagierte Akteure gibt, aber das Thema Ressourcenschonung aktuell nur für einen kleinen Teil der Akteure relevant ist. Größere Organisationen (z. B. Krankenhäuser) scheinen sich eher mit Ressourcenschonung zu befassen als kleinere (z. B. Arztpraxen). Fehlender Handlungsbedarf sowie Zeit- und Personalmangel scheinen die wichtigsten Gründe für die Nicht-Befassung zu sein. Derzeit sind lediglich Kosteneinsparungen und neue gesetzliche Vorgaben die wichtigsten Treiber im Bereich Ressourceneffizienz.

Schlussfolgerungen. Da die chemischen Erzeugnisse (insbesondere Arzneimittel, Reinigungs- und Desinfektionsmittel, Verbrauchsmaterial in medizintechnischen Geräten, Schädlingsbekämpfung) am stärksten zum Rohstoffkonsum im Gesundheitssektor beitragen, wurde hier eine wichtige Stellschraube identifiziert. Nun müssen Strategien erarbeitet werden, wie der Ressourcenkonsum gesenkt werden könnte: entweder durch ressourcenschonende Herstellung oder durch die Reduktion des Bedarfs. Dasselbe gilt für Medizinprodukte. Für den Bereich Nahrungsmittel und Getränke gibt es weitere vielfältige Möglichkeiten, um Ressourcen zu sparen.

Fazit. Die Studie hat aufgezeigt: Im deutschen Gesundheitssektor gibt es bereits einige Akteure, die sich im Bereich Umwelt- und Ressourcenschonung engagieren. In der Breite ist der Stellenwert des Themas jedoch zurzeit eher gering, ebenso wie die Vernetzung mit der Umweltpolitik. Die Studie liefert aber erstmals Erkenntnisse zur Befassung mit Ressourcenschonung und leistet einen Beitrag zur Sensibilisierung des Gesundheitssektors, um dieses Thema in Zukunft weiter im Auge zu behalten.

Claudia Richter

 

KZV im Gespräch: Interview mit Zahnarzt Dr. Hans-Georg Rollny

 

Die erste klimaneutrale Praxis in Deutschland

Ausgabe 5, 2020

Dr. Hans-Georg Rollny, Zahnarzt aus Schwäbisch Gmünd, geht neue Wege beim Klimaschutz. Durch eine umfangreiche Reduktion der CO 2-Emissionen der Praxis sowie durch den Ausgleich unvermeidlicher Emissionen durch Klimaschutzzertifikate leistet er einen wichtigen Beitrag für einen besseren Schutz von Umwelt und Klima. Mit der ersten zertifizierten klimaneutralen Zahnarztpraxis in Deutschland möchte er zudem ein Beispiel geben, wie sich die Zahnärztinnen und Zahnärzte ganz konkret für den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen engagieren können. Im ZBW-Interview spricht er über sein Praxiskonzept und gibt Ratschläge für andere Praxen.

ZBW: Herr Dr. Rollny, wann haben Sie sich zum ersten Mal mit der Idee einer klimaneutralen Zahnarztpraxis beschäftigt?

Dr. Hans-Georg Rollny: Definitiv als ich Greta Thunberg zuhörte. Ihre Forderungen an uns alle beeindrucken mich nachhaltig. Mir war klar, ich werde etwas grundlegend verändern in meiner Praxis.

Als Pionier auf diesem Feld gab es erstmal nicht viel, an dem Sie sich wirklich orientieren konnten. Wie sind Sie vorgegangen und welche Maßnahmen haben Sie im Praxisalltag als erstes umgesetzt?

Genau das war der Punkt. Ich wusste zwar, dass ich klimaneutral arbeiten will, nur das WIE war mir nicht klar. Bei einem Vortrag in München lernten meine Frau und ich dann den Geschäftsführer und Gründer eines Beratungsunternehmens für Nachhaltigkeit kennen. Seine Ausführungen und Vorschläge zum Thema haben uns überzeugt. Wir entschlossen uns, uns auf unserem Weg zu Nachhaltigkeit und Klima von seiner Agentur beraten zu lassen. Mittlerweile ist nicht nur meine Praxis, sondern auch die Designagentur meiner Frau klimaneutral.
Zunächst wurde dann der ökologische Fußabdruck meiner Praxis berechnet. Bevor ich meinen Fußabdruck mit konkreten Maß- nahmen verringern konnte, habe ich diese Menge mit zertifizierten Klimaschutzprojekten finanziell ausgeglichen. Anschließend haben wir gemeinsam klare Reduktionsziele vereinbart


Erste klimaneutrale Zahnarztpraxis. Dr. Hans-Georg Rollny weiß: Aktiver Klimaschutz ist nicht nur notwendig, sondern kann sogar Spaß machen.

Was ist Ihre Erfahrung? Waren Sie davon überrascht, wie viele Möglichkeiten es für Umweltund Klimaschutz in der Praxis gibt, oder eher davon, wie schwierig es ist, wirkliche Einsparpotenziale zu identifizieren und zu nutzen?

Einsparpotenziale zu identifizieren und zu nutzen, ist deutlich einfacher als ich gedacht hatte. Gut ist sicherlich, wenn man sich dabei professionelle Hilfe einer Energieberatungsagentur holt. Ich war tatsächlich überrascht, wie viele unterschiedliche Möglichkeiten es gibt, sich aktiv für Umwelt- und Klimaschutz einzusetzen. Nicht nur der internationale Emissionsausgleich ist eine Möglichkeit, auch regionale Umweltschutzprojekte, wie zum Beispiel eine Bienenpatenschaft oder eine Blühwiesenpatenschaft können einen wichtigen Beitrag zum Umweltschutz und zum Schutz der Artenvielfalt leisten. Egal, für was Sie sich entscheiden, tun Sie auf jeden Fall etwas.

Welche drei Maßnahmen würden Sie als besonders effektiv weiterempfehlen?

Nur drei wollen Sie wissen? Es sind sooo viele! Meine erste Maßnahme: Von konventionellem Strom auf Strom aus 100 Prozent erneuerbaren Energien umsteigen. Die zweite Maßnahme: Beschichtung der Praxisfenster mit wärmedämmender Folie, was in den Sommermonaten den bisherigen Einsatz von Klimageräten stark reduziert. Allein mit diesen beiden Maßnahmen konnten wir unsere CO 2-Emissionen um 43 Prozent reduzieren. Die dritte Maßnahme: Alle Heizkörper in der Praxis wurden mit elektronischen Sensoren umgerüstet, mit denen ich nachts und am Wochenende die Temperatur um vier Grad senken kann. Die Temperatur richtet sich automatisch an unserer Arbeitszeit aus und berücksichtigt die Außentemperatur. Dies hat nochmals gewaltig unseren Energieverbrauch reduziert.
Lassen Sie mich aber noch die vielen kleinen, so wichtigen Maßnahmen aufzählen: bewussterer Umgang mit Müll und dessen Erzeugung, Vermeidung und konsequente Trennung, da steckt viel Potential drin. Umstieg von klimabelastendem Plastik auf klimaneutrale Patientenbecher, Strohhalme aus Stärke, ModelleTüten, Mehrweg-Glasflaschen. Bei der Auswahl medizinischer Geräte achten wir sehr genau auf deren Energieeffizienz.
Wir können so viel tun! Wir wollen in den kommenden Monaten noch um ca. zehn Prozent reduzieren. Inzwischen macht das allen so viel Freude, eine tolle Dynamik hat sich im Team entwickelt, das überträgt sich: Unsere Auszeichnung als klimaneutrale Zahnarztpraxis finden unsere Patientinnen und Patienten richtig toll und kommen sogar mit eigenen Ideen auf uns zu.

Wie verlief die Zertifizierung als erste klimaneutrale Zahnarztpraxis konkret?

Die Zertifizierung lief über unsere Nachhaltigkeitsberatung. Als erstes musste unsere Emissionsbilanz berechnet werden. Alle relevanten Daten zum Wärme- und Stromverbrauch, zum Kraftstoffverbrauch der firmeneigenen Fahrzeuge sowie der Arbeitswege meiner Mitarbeiterinnen und weitere Daten zum Verbrauchsmaterial der Praxis, Papierverbrauch und Abfallaufkommen wurden erhoben und flossen in die Bilanz ein. Dadurch konnten notwendige Minderungspotenziale erkannt, Maßnahmen erarbeitet und deren Wirksamkeit bewertet werden.
Es funktioniert nach einem klaren Plan: 1. Berechnung der bisherigen Energiebilanz, wie ich vorher ausgeführt habe. 2. Kompensation dieser CO2-Emissionen mit Klimaschutzprojekten – und nein, das ist kein „moderner Ablasshandel“, wie es so oft von Menschen bezeichnet wird, die gar nichts tun. Kompensation bedeutet, konkrete Verantwortung für mein Handeln zu übernehmen wie es im Kyoto-Protokoll international beschlossen wurde. 3. Einsparpotenziale erkennen. 4. Einsparpotenziale umsetzen. 5. Erneute Berechnung der reduzierten Energiebilanz. 6. Durch Förderung von Klimaschutzprojekten in Entwicklungsund Schwellenländern kann die Summe der restlichen und leider noch unvermeidbaren CO 2-Emissionen nochmals ausgeglichen werden, denn auch ein reduzierter Energieverbrauch ist immer noch Energie, die ich verbrauche. 7. Nach weiteren Einsparpotenzialen schauen. Deshalb sind wir eine klimaneutrale Zahnarztpraxis, worauf wir richtig stolz sind.

Was für ein Projekt wird mit dem CO 2-Ausgleich, den Sie leisten, konkret gefördert?

Mit den gekauften Klimaschutzzertifikaten unterstütze ich ein Waldschutzprojekt in Brasilien, das durch den Verified Carbon Standard (VCS) ausgezeichnet wurde. Die Region im brasilianischen Bundesstaat Pará ist von der Abholzung der Wälder in Form von illegalem Holzeinschlag, Landspekulation und Viehzucht bedroht. Das Waldschutzprojekt schützt das Land innerhalb des Projektgebietes als privates Naturschutzgebiet und führt gleichzeitig Vollzugsund Gemeindeentwicklungsaktivitäten in dem Gebiet innerhalb und unmittelbar um das Projektgebiet herum durch. Die Projektaktivität soll ungeplante Abholzung vermeiden, indem Landbesitzrechte für die lokale Bevölkerung bereitgestellt, aufgebaut und überwacht werden. Dieses Projekt liegt mir besonders am Herzen, weil ich in Brasilien aufgewachsen bin.

Was raten Sie Ihren Kollegen*- innen, die denselben Weg gehen wollen? Welche Fallstricke sollte man beachten?

Machen Sie’s! Es ist wirklich kein großer Aufwand – die größ- te Herausforderung ist, alle relevanten Daten zur Fußabdruckberechnung bereitzuhalten. Aber dabei kann man sich von Experten Unterstützung suchen. Anhand dieser Bilanz kann man oft schnelle und effektive Reduktionsmaßnahmen ausfindig machen. Es gibt viele einfache und kurzfristige Maßnahmen, die Sie selbst ergreifen können. Unvermeidbare Emissionen können Sie ausgleichen. Wichtig hierbei ist, auf einen hochwertigen Zertifikatsstandard der Klimaschutzprojekte zu achten, beispielsweise solche die durch den Gold Standard, VCS oder UN CER ausgezeichnet wurden. Suchen Sie sich aus, was Ihnen wichtig ist und unterstützen Sie dieses Projekt.

Gemeinsam mit über 400 weiteren Unternehmen sind Sie mit Ihrer Praxis Mitglied in der vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) initiierten „Allianz für Entwicklung und Klima“. Ist der Weg der freiwilligen Klimaneutralität von Unternehmen die Antwort auf die gewaltigen Herausforderungen oder erwarten Sie von der Politik mehr und verbindlichere Vorgaben?

Die Weltgemeinschaft hat sich mit dem Pariser Klimavertrag darauf geeinigt, dass die Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius beschränkt werden muss, um katastrophale Folgen zu verhindern. Diese Zusagen der einzelnen Staaten reichen aber nur für eine Beschränkung der Erwärmung um maximal vier Grad. Um diese riesige Lücke zu schließen, braucht es das zusätzliche und erhebliche Engagement von Unternehmen und von uns allen. Die freiwilligen Emissionsreduzierungen der Unternehmen sind unerlässlich, um dem Klimawandel wirkungsvoll entgegenzuwirken. Definitiv wünsche ich mir klarere und vor allem verbindlichere Vorgaben der Politik, doch während wir darauf warten, dass die Politik wirksame Maßnahmen ergreift, haben wir bereits angefangen, unseren Teil dazu beizutragen.

Die Klimakrise kommt in der öffentlichen Debatte angesichts der Coronakrise derzeit kaum vor. Haben Sie Sorge, dass viele ermutigende Ansätze zum Klimaschutz in dieser Situation erstmal wieder gebremst und Innovationen gestoppt werden?

Sie haben recht, es ist definitiv so, dass viele wichtige Themen angesichts der Coronakrise zur Zeit nur wenig Beachtung finden und zeitweise ausgebremst werden. Jedoch glaube ich, dass wir aus der Coronakrise vieles lernen können und auch zur Bewältigung der Klimakrise nutzen können. Aktuell wird uns vor Augen geführt, wie schnell sich die Luftqualität verbessert, wenn in den Innenstädten nicht so viele Autos unterwegs sind und wie drastisch der CO 2-Ausstoß sinkt, wenn weniger Flugzeuge fliegen. Außerdem sehen wir doch, dass eine demokratisch gewählte Regierung sehr wohl in der Lage ist, schnell und effektiv weitreichende Maßnahmen zu treffen, um die Bevölkerung vor den Ausma- ßen der Krise zu schützen. Die Ausmaße der Klimakatastrophe sind noch viel, viel gewaltiger als die der Coronakrise. Die Erfahrung der aktuellen Krisenbewältigung können wir genauso auf die Klimakrise übertragen. Und wir müssen alle mehr Eigenverantwortung für unser Tun übernehmen.

Zum Abschluss: Welchen Appell haben Sie an die Menschen in unserem Land in dieser Zeit?

Nutzen wir die aktuelle Zeit, um uns Gedanken zu machen, wie sich unser Tun auf die Gesundheit der Menschen und Tiere Anzeige weltweit und auf unseren Planeten auswirkt. Überdenken wir alte Muster und schauen wir, wie wir in Zukunft sozialer und umweltverträglicher wirtschaften und leben können.
Sollten Sie vermeintliche Leerläufe haben, nutzen Sie diese, um Ihren CO 2-Fußabdruck berechnen zu lassen, ganz egal, ob es sich um Ihr Privatleben oder Ihre berufliche Situation handelt. Überlegen Sie sich, gegebenenfalls auch mit professioneller Unterstützung, adäquate Klimastrategien und Reduktionsmaßnahmen. Denn jetzt ist die Zeit, sich tiefgehende Gedanken zu machen, in welcher Welt wir leben möchten und was enkeltaugliches Tun bedeutet. Diesen Mut wünsche ich uns allen.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

Die Fragen stellte
Dr. Holger Simon-Denoix

 

Umweltmanagement in der Zahnarztpraxis

 

Qual der Wahl: Die Vielfalt der Zertifizierungsmodelle

Ausgabe 5, 2020

PAS 2060, DIN ISO 14001, EMAS oder ISO 50001 – eine Vielzahl von Zertifizierungsrichtlinien, Anbietern und Modellen gibt es inzwischen auf dem Markt des Umweltmanagements. Sie alle dienen dem Ziel, die Umwelt zu schützen und Ressourcen intelligent einzusparen – manche zielen sogar auf klimaneutrale Arbeitsweisen ab. Vorteil einer Zertifizierung ist dabei nicht nur ein Imagegewinn der Praxis in der Öffentlichkeit, sondern auch eine Kostenersparnis bei Material, Abfall und anderen Ressourcen. Welche dieser Angebote passen aber für Zahnarztpraxen und welche Modelle sind im Hinblick auf Kosten- und Zeiteinsatz praktikabel?


Ressourcenschutz. Umweltmanagementsysteme dienen auch der Einsparung von Ressourcen und der Müllvermeidung. Neben der damit verbundenen Kostenersparnis und den positiven Effekten auf das Klima bietet eine Zertifizierung ebenso einen Imagegewinn.

ISO 14001. Mit rund 8.200 zertifizierten Unternehmen in Deutschland ist ISO 14001 vermutlich das am weitesten verbreitete Umweltmanagementsystem in Deutschland. Der Ablauf ist bei den Systemen ähnlich: Zunächst wird ein Umweltmanagement durch eine Umweltprüfung eingeführt und Umweltziele festgelegt. Mittelpunkt der ISO 14001 ist nämlich der systematische Aufbau eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses. Sie legt also keine absoluten Anforderungen für die Umweltleistung fest, sondern zertifiziert das Umweltmanagement als solches. Zur Prüfung des Umweltmanagements muss eine Zertifizierungsstelle ausgewählt werden, hier gibt es große Anbieter wie TÜV oder DEKRA, aber auch viele kleinere, regionale Zertifizierer. Nach einem Voraudit und einer Dokumentationsprüfung, die alle umweltbezogenen Aspekte der Praxis auflistet, kann vor Ort das Zertifizierungsaudit stattfinden. Eine erfolgreiche Zertifizierung ist dann drei Jahre gültig, bevor eine Re-Zertifizierung notwendig ist. Auch wenn die Zertifizierung viele Vorteile mit sich bringt ist sie auch zeit- und kostenintensiv – gerade für kleinere Zahnarztpraxen. Schließlich gehen mit dem Prozess verschiedene Aufgaben einher, die idealerweise intern unter den Mitarbeitenden verteilt werden müssen und Arbeitszeit kosten. Darüber hinaus kommen noch die Kosten für das Audit selbst hinzu, die von Grö- ße und Ausrichtung der Praxis abhängig sind. Mit Kosten von 4.000 bis 10.000 Euro für die Erstzertifizierung muss hier im Regelfall gerechnet werden. Günstiger wird es, wenn man verschiedene Managementsysteme gleichzeitig zertifizieren lässt, wie beispielsweise ISO 9001 (Qualitätsmanagement) oder ISO 50001 (Energiemanagement).

EMAS. Das Gütesiegel der Europäischen Union, das sogenannte Eco-Management und Audit Scheme (EMAS), gilt als weltweit anspruchsvollstes Instrument des Umweltmanagements. Rund 2.200 Standorte in Deutschland sind bereits zertifiziert, die meisten davon (30 Prozent) in Baden-Württemberg. Wer EMAS zertifiziert ist, erfüllt auch gleichzeitig die Anforderungen der ISO-14001-Norm, umgekehrt reicht die ISO-Norm aber zur EMAS-Zertifizierung nicht aus. Die Unterschiede liegen insbesondere in einer höheren Rechtssicherheit, der Behandlung des Umweltleistungsgedankens und besonderer Mitarbeiterbeteiligung, womit auch ein höherer Aufwand und höhere Kosten einhergehen.
EMAS ist für Zahnarztpraxen also noch herausfordernder, wie auch die Zahnärzte Dres. Regine und Wolfgang Carl im Interview dieser Ausgabe berichten. Eine Erleichterung bietet hier allerdings inzwischen das sogenannte EMASeasy-Programm, das speziell auf kleinere und mittlere Unternehmen ausgerichtet ist. Vor allem wird hier weniger Bürokratie, leichterer Zugang und verringerte Kosten versprochen: In 10 Tagen sollen Betriebe mit 10 Mitarbeitern und 10 Seiten Dokumentation zum Zertifikat gelangen.

Klimaneutralität. Den Anspruch der Klimaneutralität stellt die Spezifikation PAS 2060 dar. Konkrete Vorgaben zur Reduktion von Treibhausgasemissionen durch ein Carbon Management Plan sind mit dieser Norm verknüpft. Zunächst wird eine CO 2-Bilanz erstellt und mittels Plan die Festlegung von Maßnahmen zur Reduktion beschlossen. Unvermeidbare Emissionen werden schließlich durch Kauf und Stilllegung von Emissionszertifikaten kompensiert. Zahnarzt Dr. Hans-Georg Rollny berichtet im Interview dieser Ausgabe über den Weg seiner Praxis zur Klimaneutralität.

Praktikabel. Auch das Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft des Landes Baden-Württemberg unterstützt durch verschiedene Förderangebote die Einführung qualifizierter Umweltmanagementsysteme. Eine Möglichkeit ist hier das Programm Umweltmanagement im Konvoi. Kleine und mittlere Unternehmen werden so bei der Etablierung eines Umweltmanagementsystems nach EMAS oder DIN EN ISO 14001 begleitet und bezuschusst. Dies geschieht unter Anleitung eines sachkundigen Beraters und eines Projektträgers in kleinen Gruppen. Mit dem Einstiegsprogramm ECOfit wird ein Programm angeboten, das für Teilnehmer geeignet ist, die im Bereich des betrieblichen Umweltschutzes erste Schritte gehen möchten. Gegenstand dieser Förderung, die ebenfalls den Konvoi-Gedanken verfolgt, sind Workshops zu Umweltaspekten und organisatorischen Belangen, individuelle Vor-Ort-Beratungen sowie eine Ortsbegehung durch eine unabhängige Kommission. Zum Abschluss verleiht der Projektträger eine Urkunde.
Für die Umsetzung von Maßnahmen, die energieverbrauchsrelevante Bereiche betreffen, eignet sich das ebenfalls vom Land BadenWürttemberg getragene Förderprogramm Klimaschutz-Plus. Bezuschusst werden investive Maßnahmen zur CO 2-Minderung, wie sie aus dem Maßnahmenplan eines Managementsystems resultieren können. Ein Beispiel hierfür ist die Verbesserung des baulichen Wärmeschutzes. Das Förderprogramm lohnt sich, schließlich kann der Zuschuss dabei bis zu 30 Prozent der förderfähigen Investitionskosten betragen. Das Programm enthält zudem flankierende Angebote wie etwa die Einführung eines Energiemanagements.

Fazit. Deutlich wird, dass für Zahnarztpraxen die großen Zertifizierungsangebote wie ISO 14001 und EMAS herausfordernd, durch einen gemeinsamen Weg im Konvoi allerdings nicht unmöglich sind. Gute und praktikable Einstiege sind beispielsweise Förderprogramme wie ECOfit, welche den Umweltschutz in der Praxis ebenso voranbringen. Bei innovativen Ideen im Umweltschutz in der Zahnarztpraxis empfiehlt sich außerdem auch immer eine Bewerbung beim baden-württembergischen Umweltpreis, der mit 60.000 Euro Preisgeld lockt. Grundsätzlich gilt: Jede Maßnahme zur Ressourcenschonung hilft dem Klimaschutz – auch in der zahnärztlichen Praxis.

Benedikt Schweizer